Zum 18. Mal hat das Deutsche Studentenwerk (DSW) jetzt seine "Sozialerhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage" der zwei Millionen Studierenden in Deutschland vorgelegt. Die neue Studie belegt: Die Bildungschancen sind in Deutschland ungleich verteilt; die soziale Herkunft entscheidet ganz maßgeblich über den Bildungsweg. 83 von 100 Akademiker-Kindern studieren, aber nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition.
Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks, schlägt Alarm. DSW-Präsident Prof. Dr. Rolf Dobischat: "Das ist beschämend für eine Demokratie. Wir müssen endlich die soziale Selektivität des deutschen Bildungs- und Hochschulsystems überwinden." Deutschlands Hochschulen müssen sich sozial öffnen und die Studentenwerke stärker unterstützt werden, fordert Dobischat im Interview. Nach seiner Auffassung sei es ein bildungs- und sozialpolitischer Skandal, dass es in Deutschland nicht allein eine Frage der individuellen Begabung sei, ob jemand studiere, sondern ganz maßgeblich eine Frage der sozialen Herkunft.
Die Chance, dass jemand studiert, hängt von seinem sozialen Background ab. Die höchste Beteiligungsquote beim Hochschulzugang haben Kinder aus Beamtenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat" so Dobischat weiter. "Die Chance dieser Kinder, dass sie ein Hochschulstudium aufnehmen, ist fünfeinhalb Mal so hoch wie die Chance von Kindern aus Arbeiterfamilien; sie haben die niedrigste Bildungsbeteiligungsquote. Dieser ungleichen Verteilung von Bildungschancen in unserer Gesellschaft müssen wir entgegenwirken. Wir müssen für mehr Chancengleichheit auf dem Weg zur Hochschulbildung sorgen - auch aus einem wirtschaftlichen Interesse heraus.
Mannheim: Keine detaillierte Auswertung - aber ähnliche Tendenzen. Aufgrund der geringen Stichprobe sind keine Sonderauswertungen in Bezug auf die Hochschulregion Mannheim möglich. Einige Fakten zeigen jedoch, dass der Trend einer sozialen Auslese in Mannheim eher noch stärker ist als im Bundes-durchschnitt. So ist die BAföG-Quote eine der niedrigsten in Deutschland. Nur in München nehmen ähnlich wenig Studierende BAföG in Anspruch.
Angesichts dieser Fakten ist Dr. Jens Schröder, Geschäftsführer des Studentenwerks Mannheim, entsetzt, dass die BAföG-Erhöhung, die für das WS 2007/2008 endlich nach sechs Jahren Stagnation geplant war, sich um ein Jahr verzögert. Dr. Schröder: "Wir müssen unbedingt wieder mehr Studierende aus einkommensschwächeren Schichten für ein Studium begeistern. Dafür ist auf Bundesebene dringend eine Anpassung der BAföG-Frei- und Förderbeträge -seit 2001 nicht mehr erhöht- erforderlich. Je früher, desto besser!"
Sorge um Hochschulregion - Weniger Studierende. Dass die sozialen Rahmenbedingen bei der Entscheidung für oder gegen die Aufnahme eines Studiums eine zentrale Rolle spielen, zeigt der aktuelle Rück-gang der Studierendenzahlen in Mannheim. Dr. Schröder "Gegenwärtig stellen die Hochschulen ihr Zahlenmaterial für das Sommersemester zusammen. Eines ist aber schon erkennbar: Auch aufgrund der Einführung der Studiengebühren geht die Zahl der Studierenden in Mannheim im Vergleich zum Vorjahressemester nochmals kräftig nach unten." Für viele Studierende brächten die Stu-diengebühren offenbar das Fass auf der Ausgabenseite zum Überlaufen, so dass sie das Studium aufgäben.
Für das Studentenwerk ist Mannheim eine Hochschulregion* mit einem traditionell großen regionalen Einzugsgebiet und ein Anziehungspunkt für junge Aufsteiger aus bildungsferneren Schichten. Dr. Schröder: "Dass die Studierendenzahlen zurückgehen, ist nicht nur aus sozialen Gesichtspunkten bedenklich. Auch und gerade für die Wirtschaft und die langfristige Attraktivität der Region ist diese Entwicklung eher kontraproduktiv."
Infos zur Sozialerhebung: www.sozialerhebung.de und www.studentenwerke.de
Studierendenzahlen SS 2007* 19.439 / Studierendenzahlen SS 2006* 20.760
* Hochschulregion Mannheim - Universität Mannheim, Hochschule Mannheim (mit Fak. Sozialwesen), Berufsakademie Mannheim, Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, Pop-Akademie Baden-Württemberg
Peer Nußhart / Öffentlichkeitsarbeit, Tel. MA 292-2832
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